1456

Was kommt nach dem Schnee?

Richtig groß ist der Große Arber nicht. 1456 Meter misst sein Gipfel, das reicht für elf Pistenkilometer zum Skifahren.

Am Berg spürt man die Folgen des Klimawandels: Immer später setzt der Winter ein, immer höher ist die Schneegrenze in den vergangenen Jahren gewandert. Was machen die Menschen, deren Existenz am Berg hängt?

1456m

Der Gipfel

Ganz oben, auf 1456 Metern stehen zwei Radome. Türme mit merkwürdig-golfballartigen Kuppeln, Überbleibsel aus dem kalten Krieg. Glaube ich zumindest. blablablablabla.

Statistik 1

 

Statistik 2

1283m

Der
Schicksalsberg

Als Willi Weinberger 2010 den Ranger-Job am Großen Arber übernahm, hatte er einen schweren Stand. Lange wurde der Klimawandel hier totgeschwiegen. Doch inzwischen tut sich etwas um den höchsten Berg des Bayerischen Waldes. Ein Ausflug auf den Gipfel.

„So hoch lag hier 2007 der Schnee!“, verweist Willi Weinberger auf die hölzerne Messlatte, die am Wegesrand senkrecht aus dem Boden ragt. Sein ausgestreckter Arm deutet unmissverständlich auf die höchste ausgeschriebene Markierung – drei Meter. Langsam senkt der Ranger wieder seinen Arm, doch sein Blick bleibt starr an der Latte heften. Für einen Moment verharrt der ältere Mann so, bevor er sich abwendet und wieder zu seinem silbernen, kleinen Geländewagen stapft, den er vor der Chamer Hütte geparkt hat. Die Schutzhütte liegt am Südhang des kleinen Arbers mitten im Naturpark des Bayerischen Waldes. 58 Skifahrer und Wanderer finden hier Platz. An diesem Dezembermorgen muss niemand in der Hütte Schutz suchen. In 1289 Höhenmetern ist die Sicht klar. Die Sonne bringt die dünne Schneedecke zum Leuchten.
(Ob der Winter wieder so stark werden wird, wie die letzten Jahre, vermag Willi Weinberger nicht zu sagen…)
Willi Weinberger startet den Motor. Durch die Klimaanlage strömt warme Luft in das Wageninnere. Gemächlich lenkt der Ranger seinen Geländewagen den kurvenreichen Waldweg zum Gipfel des großen Arber hinauf.

Willi Weinberger, 72, Ranger

 

 

 

Vor XY Jahren hat der Bodenmaiser den Job als Ranger angenommen – ehrenamtlich. Der Berg liegt ihm am Herzen. „Bereits als Jugendliche sind wir hier immer sonntags nach der Kirche rauf. Damals noch ohne Lift. In den 60ern war das.“, erzählt Willi. Seit XXXX ist er nun Naturschutzwächter im Bayerischen Wald und vor allem mit der Besucherlenkung beschäftigt. „Rund 300 der seltenen Auerhühner haben wir hier im Park. Für die ist der Winter extrem kräftezehrend. Werden sie durch einen Wanderer aufgeschreckt, sterben sie am Schock.“, erklärt der Ranger die Wichtigkeit der Lenkung. Ungefähr 350.000 Besucher müssen jährlich durch den Nationalpark geleitet werden, ohne Schaden in der Natur anzurichten.
Inzwischen verläuft der Weg parallel zum Berg. Während sich bergaufwärts ein Nadelbaum an den nächsten reiht, tut sich bergabwärts ein kahles Feld aus Baumstümpfen auf. „Borkenkäfer“, klagt der Naturschützer, „der größte Helfer des Klimawandels“. Die Dürre im Sommer 2018 hat verhindert, dass die Nadelbäume ihre natürliche Abwehr, das Harz, produzieren konnten. Hinzu kam, dass durch die kurzen Winter das bruttaugliche Holz sterbender oder toter Bäume sehr schnell durch die Rindenbrüter besiedelt werden konnte. „Inzwischen sind hier weite Teile des Waldes befallen“, verdeutlicht Weinberger die Ernsthaftigkeit der Situation.

 

TEXT// Jonah Papendorf

 

 
 
 
 
Willi Weinberger entdeckt den Watzmann:
Bei klarer Sicht kann man vom Großen Arber bis in die Alpen schauen.
Bei starkem Schneefall, nimmt Weinberger nicht das Auto,
sondern die Touren-Skier.
Immer dabei: der Feldstecher.
Als Ranger hat Weinberger ein Auge auf den Artenbestand. Besonders gefährdet: das Auerhuhn.
Mit 1456 Höhenmetern ist der Große Arber der „König des Bayerischen Waldes“.
Besonders starker Schneefall verwandelt die Tannen am Gipfel zu Schneeskulpturen, den sogenannten Arbermandln.
Mit den Radomen wurde im kalten Krieg der Flugverkehr im Ostblock ausspioniert.
Ihr Gegenstück steht knapp 40 Kilometer entfernt auf dem tschechischen Berg Čerchov.
Der Berg birgt seine Gefahren:
Einmal fand Willi Weinberger einen Mountainbiker, der bei einem Sturz tödlich verunglückt war.
Blick voraus: "Wenn es hier mal so warm wird, dass man alpinen Skibetrieb nicht mehr praktizieren kann,
dann muss man hier auf sanften Tourismus umsteigen. Also auf die nordischen Disziplinen."
Lange Tradition: Bereits 1806 wurde eine Kapelle auf dem Großen Arber errichtet.
Die Winter am Gipfel setzen dem kleinen Bauwerk zu, sodass es bisher viermal erneuert werden musste.
Gipfeltreffen: blank-Redakteur Jonah Papendorf und Ranger Willi Weinberger auf 1456 Metern.
Anfang Dezember misst die Schneedecke bereits 20 Zentimeter. "Selbst wenn der Winter schwach ist, liegt hier oben ein halber Meter Schnee."
Was wächst denn da? Weinberger präsentiert den Alpenbärlapp.
Am Arber ein Exot: Die Pflanze wächst eigentlich nur im Hochgebirge.
An der Talstation sammelt die Fürstlich Hohenzollernsche Arber-Bergbahn Regenwasser zur Beschneiung der Pisten.
Außerdem wird Wasser aus der nahe gelegenen Silberbergquelle entzogen.
50 Schneekanonen beschneien insgesamt 12 Pistenkilometer am Großen Arber. Es handelt sich um Modelle einer Schweizer Marke,
die im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants keine chemischen Zusätze in den Kunstschnee mischen.
Anfang November wird der Skibetrieb vorbereitet: Das Team der Bergbahn startet mit der Grundbeschneiung:
Pistenraupen schieben den künstlich produzierten Schnee über den Hang und planieren die Abfahrt.
Willi Weinberger am Nordhang des Arbers: "Früher hat man gesagt diese Pistenseite kann man vergessen, die ist weg aus der Natur." Mittlerweile täten die Pistenbetreiber etwas für den Naturschutz: "Im Sommer werden die Pisten gesperrt, auch für Wanderer. Die Natur soll sich regenerieren."
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Feinfühlig schlägt er das Lenkrad nun ein. Der Geländewagen windet sich langsam eine steilere Passage unterhalb des Gipfels hoch. Für einen kurzen Augenblick verliert das linke Vorderrad die Traktion. Sanft unterbricht der Wagen seinen Trott. Der Motor brummt leise auf, bevor die Räder behäbig das steile Stück überwinden. Nun ist nur noch das surrende Geräusch der wohlig warmen Klimaanlage zu hören. „In der Höhenlage hier kommt der Winter eigentlich immer. Einen halben Meter erreicht die Schneedecke fast jedes Jahr“, unterbricht der Ranger die Stille. Heute liegt der Schnee hier nicht so hoch, sonst wäre er (der XY-Jährige) mit seinen Tourenskiern auf den Arber gewandert.
„Früher haben wir hier Anfang Mai das Grauschimmelrennen für die älteren Damen und Herrschaften veranstaltet. Die letzte Abfahrt der Skisaison sozusagen. Dort hinten war immer der Einstieg!“, deutet Willi Weinberger in den verschneiten Wald hinein. „10, 15 Jahre ging das gar nicht mehr. Die letzten Jahre waren die Winter dann teilweise wieder gut genug.“, führt er weiter aus. Ob der Winter diese Saison kalt genug sein wird, um das Grauschimmelrennen auszurichten, vermag der Ranger nicht zu sagen. Langzeitprognosen seien aufgrund der wechselhaften Wetterlage am großen Arber inzwischen nicht mehr möglich.

Stetig wird das Knirschen des Schnees unter der Last der Reifen lauter. Die Schneedecke wird dichter. Der Geländewagen nähert sich über die Süd-West-Seite dem Gipfel. Einige Meter unter der Bergkuppe kommt das Fahrzeug zum Stehen. Hier endet der befahrbare Weg. Der ältere Mann mit dem prachtvollen Schnauzbart schreitet zum Heck seines Geländewagens und holt seinen Wanderstock und seinen Ranger-Hut hervor und stapft die letzten Meter zum Gipfel hinauf. Hart und glatt ist der Boden hier. Der Wind hat feine Linien in das Eis gezogen. Willi Weinberger bleibt stehen und stützt die freie Hand in der Hüfte ab. Vor ihm erstreckt sich die Bergbahn des Skigebiets an der Nordseite bis ins Tal. Auch der Fuß des Berges ist noch in weiß gekleidet. 1993 wurde hier dem Antrag für technische Beschneiung stand gegeben. Die Auswirkung des Temperaturanstiegs um 0,6 Grad Celcius in den letzten 30 Jahren in Deutschland ist auch am Arber deutlich spürbar. „Auf dem Gipfel in 1456 Metern Höhe liegt im Winter immer Schnee, aber für den Skibetrieb, in dem Maße in dem er hier durchgeführt wird, ist die technische Beschneiung unabdingbar!“, weiß der Ranger. Insgesamt 50 Skikanonen zieren in gleichmäßigen Abständen die Pisten am Arber.
Ein Fan der technischen Beschneiung scheint er dennoch nicht zu sein. Zehn Quadratmetern frisch beschneite Piste entsprechen einem durchschnittlichen Wasserverbrauch von 1.500 Litern. Und das muss irgendwo herkommen. „Für die Beschneiung wird Regenwasser an der Talstation in einem Stausee gesammelt. Das Regenwasser wird so aber auch der Natur entzogen.“, bemängelt er. Das Wasser kommt jedoch nicht nur aus dem eigens angelegten Sammelbecken. Auch aus der Silberbergquelle pumpt das Skigebiet Wasser für die Schneekanonen und die Gastronomie im Gebiet ab. „Die sagen zwar immer, dass dort genug Wasser vorhanden ist, aber das ist doch eigentlich ein echtes Phänomen, dass oben auf dem Berg eine Quelle ist!“, deutet Weinberger seine Ablehnung gegenüber diesem Eingriff in die Natur ein. Die alten Bergstollen mit ihren feuchten Höhlen sind ein bedeutendes Winterquartier für Fledermäuse.
Auf der offiziellen Website des Arber sucht man solche Informationen vergeblich. Der Werbetext über das Beschneiungskonzept liest sich wie ein Schulterschluss mit dem Winter/Mutter Natur. Sogar ökologische Vorteile soll der Kunstschnee bringen. Die gleichbleibende Schneedecke soll verhindern, dass die Kanten der Ski Schäden an der Grasnarbe anrichten. Der Ranger weiß, dass das quatsch ist: „Der Kunstschnee bleibt viel länger liegen, als der Naturschnee. Die Vegetation kann so erst viel später einsetzen. Das ist definitiv nicht gut für die Natur.“
„Aber gut, das ist halt den der Kompromiss zwischen Tourismus und Natur wie überall heutzutage.“, relativiert der Naturschützer seine Aussagen. Solange sich der Skitourismus noch in Grenzen hält, finde ich das noch in Ordnung. In Österreich ist das ganz schlimm überall werden da Lifte gebaut und was weiß ich was“, winkt er ab.
In Oberhof beispielsweise liefen die Biathlon-Teilnehmer 2007 auf 36.000 Kubikmetern Crushed-Eis – in Bremerhaven hergestellt und eigentlich für die Kühlung von Fisch verwendet. Soweit soll es hier am Arber nicht kommen. Dennoch ist die Gemeinde auf den Wintertourismus angewiesen. In etwa 850.000 Übernachtungsgäste zieht es jeden Winter nach Bodenmais. Der Ort lässt sich das einiges kosten. 200.000 Euro kostest die Gemeinde Bodenmais das Langlaufzentrum jährlich. Die Installation und der Unterhalt der Schneekanonen kostet 650.000 Euro pro Kilometer, allein die Herstellung von einem Kubikmeter Schnee zwischen drei und fünf Euro. Ein stolzer Preis, den nicht jedes Skigebiet stemmen kann.
Der Wind am Gipfel hat inzwischen zugenommen. Willi Weinberger schiebt den schützenden Ranger-Hut aus der Stirn und blickt in die Ferne. Von hier oben sind die angrenzenden, kleineren Skigebiete Spitzhack und Zwiesel zu sehen – in Grün getaucht. Besonders Zwiesel
habe es schwer, erklärt der Ranger, leicht auf seinen Stock gestützt. Sogar Stars wie Maria Riesch und Lindsey Vonn sind hier schon beim Riesen-Slalom gefahren. Letztmals ging im Februar 2011 die Weltelite der Frauen in Zwiesel an den Start. Dann kam das überraschende Aus für die Arber-Region. Die schwierigen Wetterbedingungen seien der Grund, lies der Deutsche Skiverband verlauten.
Ein ähnlich trostloses Schicksal der Gemeinde Bodenmais kann sich der ältere Mann hingegen nicht vorstellen. Anfang der 2000er sei der Skitourismus in Bodenmais zwar eingebrochen, inzwischen habe er sich aber wieder erholt und sogar noch stärker zugenommen. Jedoch liegt Bodenmais auch am höchsten Berg des Bayerischen Waldes. Beinahe hätte man dieses Prädikat einst an den Großen Rachel vergeben. „Nach langem hin und her war man sich dann einig. Der große Arber ist höher, nur um wenige Meter“, erklärt der Bodenmaiser mit ein wenig Stolz erfüllt.
Hier versucht man nun, neben dem Wintertourismus auch die Sommersaison voran zu bringen. Einige neue Mountainbike-Strecken wurden in den letzten Jahren angelegt. Am Geißkopf bei Bischofsmais gibt es sogar einen Bikepark.
„Irgendwann, wenn es nicht mehr kalt genug ist, muss man hier wahrscheinlich endgültig auf sanften Tourismus umsteigen. Langlauf – da reichen ja 20cm Schneedecke und das haben wir hoffentlich auch noch in 100 Jahre.“, malt sich der Ranger aus. Wann das genau sein wird, vermag er nicht zu sagen. Er ist sich jedoch sicher, dass er das nicht mehr erleben wird.
Klimawissenschaftler erwarten, dass sich bereits bis 2050 die Zahl der jährlichen Eistage, also jener Tage, an denen die Temperatur nicht über Null Grad Celcius steigt, in Bayern halbieren wird. In naher Zukunft wird somit die Anzahl an Tagen, an denen technische Beschneiung möglich ist, deutlich abnehmen.
Willi Weinberger schreitet den Weg vom höchsten Punkt des Gipfels wieder zurück. Zu seiner Rechten ragen die beiden Radome wie Fremdkörper aus dem Schnee. Relikte aus dem kalten Krieg. Mit den Antennenkuppeln hat man damals den Flugverkehr im Ostblock ausspioniert. Das Gegenstück dazu soll am Čerchov stehen, in Tschechien.
Der Ranger wendet sich nun nach links vom Weg ab. Mit seinem Wanderstock zeigt er mitten ins Weiß. „Hier vorne haben wir vor 7 Jahren zusammen mit der oberen Naturschutzbehörde den Alpenbärlapp entdeckt“, erklärt er. „Normalerweise wächst die Pflanze nur im Hochgebirge. Das liegt an dem Alpinen Klima hier!“, führt er fort.
Wie lange es sie hier noch geben wird, ist jedoch ungewiss. Experten des Bayerischen Landesamts für Umwelt gehen von einem Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur in Bayern um weitere 1 oder 2 Grad Celcius bis 2050 aus. Bis 2100 kann sich der Anstieg sogar auf plus 4,5 Grad Celcius ausweiten – vorausgesetzt, dass die Energie der Zukunft zu gleichen Teilen aus fossilen und erneuerbaren Quellen gewonnen werden. Von diesem Szenario sind die Forscher ausgegangen. Wenn sich diese Prognose bewahrheitet, wird es in ferner Zukunft in Deutschland keine Skigebiete mehr geben. Einzig die Pisten auf der Zugspitze würden übrigbleiben.
„Ach der Wald ist doch was Schönes“, befällt den Ranger ein wenig Melancholie. „Dass es das eines Tages nicht mehr geben wird…“. Willi Weinberger verstummt. Gefasst legt er eine lange Atempause ein, um dann zähneknirschend, fast etwas wütend, fortzufahren: „…aber vom Menschen ist das gemacht!“.
Was viele Jahre in der Weltpolitik ungeachtet blieb, wurde auch am Arber lange todgeschwiegen. „Vor fünf oder sechs Jahren war der Klimawandel hier noch ein Tabuthema Mittlerweile ist das Umdenken hier aber schon vorhanden“, erklärt der ältere Mann.
Anfang 2015 ist der 3000-Seelen-Ort als einer der ersten Orte in Deutschland auf ein kaltes Nahwärmenetz umgestiegen. Während bei konventionellen Netzen die Heizzentrale auch im
Sommer 70 bis 80 Grad Celcius warmes Wasser herstellt, regelt das Nahwärmenetz die Temperatur von April bis Oktober auf bedarfsgerechte 20 bis 40 Grad Celcius herunter. Mit einem solchen „kalten“ Betriebsmodus lässt sich der Wärmebedarf in den warmen Jahreszeiten vollständig durch erneuerbare Energien abdecken. In Bodenmais vor allem durch Solaranlagen. Das Gewerbegebiet soll so sogar 70 Prozent des Energieaufwandes und der CO2-Emissionen einsparen.
Früher haben die Leute hier noch Abfälle im Garten verbrannt. Sowas würde heute kaum jemand mehr machen, wendet der Ranger ein. Auch hinsichtlich des Naturschutzes habe sich einiges getan. Als der Bodenmaiser damals seinen Ranger-Job antrat, bekam er viel Gegenwind. Anfangs haben die Menschen in der Gemeinde kritisch auf ihn geschaut, weil er fortan als Wächter des Naturparks befugt war, Vorschriften zu machen. Inzwischen seien die Leute aber sehr kleinlich in Naturschutzbelangen geworden. „Ein paar alte Deppen gibt es natürlich immer noch und die wird es auch immer geben!“, relativiert er.
Willi Weinberger deutet erneut mit seinem Wanderstock. „Da vorn ist die Bodenmaiser Mulde. Da haben wir zusammen mit dem Naturpark und Schulklassen die ganze Mulde freigeschnitten damit der ungarische Enzian wieder aufblühen kann. Das hat eine Frau mitbekommen“, erklärt er. Der Naturpark hat sogar extra ein Schild mit der Befugnis aufgestellt. Eine Anzeige gab es trotzdem.
Auch das Skigebiet soll inzwischen richtigen Naturschutz betreiben.
„Früher hat man gesagt, dass die Pistenseite vom Arber, die Nordseite, die könne man vergessen. Die sei aus der Natur weg. Mittlerweile tun aber auch die Pistenbetreiber etwas für den Naturschutz. Im Sommer werden die Pisten gesperrt, auch für Wanderer. Die Natur soll sich dann regenerieren – das ist auch Naturschutz. So ehrlich muss man sein!“, bekräftigt Willi Weinberger.
Ein letztes Mal blickt er in die Ferne. Konzentriert kneift er seine Augen zusammen. „Da hinten sieht man sogar den Watzmann“, ruft er. 29 Jahre lang ist er selbst in den Alpen Bergsteigen gewesen. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe aus Freunden und seinem Cousin und Namensvetter, Willi Weinberger, der eine Pension in Bodenmais führt. Das Verhältnis zu seinem Cousin wirkt inzwischen abgeflacht. Viel möchte der Ranger dazu nicht erzählen. In anderen Kreisen würden sich die beiden inzwischen bewegen. „Der spielt halt auch Golf und ich spiel kein Golf“, fasst der Naturschützer zusammen. Seine Liebe zur Natur und sein Bedürfnis diese zu schützen, könne sein Cousin nicht verstehen. „Der ist noch einer vom alten Schlag, auch wenn er jünger ist, als ich“, führt er weiter aus.
Dann steigt er wieder in sein Auto. Der Wagen startet. Sanft kehrt wieder die wohlige Wärme ins Wageninnere zurück. Auf 1100 Höhenmeter taucht der Geländewagen wieder ins Grün und Braun des Waldes ein. Der Schnee, der hier heute morgen noch lag, ist geschmolzen.

 

„Ach, der Wald ist

was Schönes.

Dass es das 

alles bald 

nicht mehr 

geben wird…“

 

– Willi Weinberger –

750m

Ungewisse
Zukunft

 

Thomas Weinberger führt gemeinsam mit seiner Frau Simone „Sport Weinberger“ in Bodenmais. Sie leben vom Skitourismus, der Laden hat eine lange Tradition. Dass seine Kinder das Geschäft eines Tages übernehmen, glaubt er trotzdem nicht. 

 

 

Tom Weinberger, XY, Skischulbesitzer

Thomas „Tom“ Weinberger steht in der Werkstatt seines Skigeschäfts zwischen Kartons, Zelten und bunten Helmen. Skier lehnen an jede der vier Wände des klassenzimmergroßen Raumes, darüber liegen Brillen und Skischuhe auf hölzernen Regalen. Tom lehnt sich demonstrativ auf seine Unterarme und stützt sich auf die Werkbank. Sein langer, schwarzer Bart ist mir grauen Strähnen durchzogen, kräuselt sich um Mund und Kinn und versteckt seinen Hals, sein Kopf ist kahl rasiert. Er trägt zwei dicke silberne Ringe an den Fingern, die auf die Theke knallen, wenn er spricht. Der 46-Jährige führt zusammen mit seiner Frau Simone Sport Weinberger, ein Ski- und Sportgeschäft am Rande von Bodenmais im Tal des Silberbergs.

Toms Vater Xaver hat den Laden vor 49 Jahren eröffnet und hilft noch heute bei Verleih und Verkauf. Ranger Willy Weinberger ist sein Cousin. Im Sommer verleihen Weinbergers Fahrräder und E-Bikes, vermitteln Tennisplätze und geben Tennisunterricht, verkaufen Wander- und Freizeitbekleidung. Jetzt im Winter hält sich der Familienbetrieb durch die Skischule und den Skiverleih im Keller des zu einem zweistöckigen Verkaufsgeschäft umgebauten Einfamilienhauses über Wasser. Der Skiverleih allein bringt schon lange nicht mehr genug Geld ein, vor allem, seit dem es nicht mehr nur zwei, sondern sechs Skiverleihe und -schulen in Bodenmais gibt, sagt Tom. Immer wieder sehe er Skischulen kommen und gehen, die Konkurrenz ist groß. Allein der Verleih am Arber hat seit einigen Jahren 1600 Ski, mehr als dreimal so viel wie Sport Weinberger.

Zu ihrem Klientel gehören viele Schulklassen, Wanderer und Kanuten, die nach Alternativen suchen. Das ist seit Jahren so und, fragt man Thomas Weinberger, wird sich nie ändern. „Die letzten Winter waren super“, bekräftigt er. Der Bayerische Wald sei günstiger als Tirol oder Österreich, die Strecke attraktiver für Anfänger und Familien. Auch wenn der Schnee mal ausbleiben sollte, macht er sich keine Sorgen um seinen Betrieb. Das hätten sie im Winter ´71 auch schon mal gehabt.

Tom bezweifelt nicht, dass der Klimawandel Auswirkungen auf das Wetter und den Schnee am Arber hat. Dass der Skitourismus irgendwann einbrechen wird aber schon. „Es wäre gelogen, wenn man den Klimawandel nicht merken würde. Sonst würden nicht auf den Gletschern auf 3000 Metern Höhe Schneekanonen stehen. Aber muss ich mir jetzt sorgen machen, was in 20 Jahren ist? Wir leben im Jetzt“, rechtfertigt er sich. „Aber ich geh‘ davon aus, dass es zu 99% Schnee gibt am Arber – weil es die letzten Jahre auch so war.“ Der Familienbetrieb ist abhängig vom Schnee, Tom befangen von der eigenen Geschichte. Bis vor bis vor gut 6 Jahren hat Familie Weinberger selber einen Skilift im Ort betrieben. Es hat sich nicht rentiert, der Lift musste schließen. Eine Fehlinvestition, sagt Tom: Am Arber hat man Schneesicherheit, am Silberberg nicht.

 

TEXT// Marleen Heimann

Downhill 3k

Fahre den Berg schneller herunter, als der Schnee unter deinen Brettern schmelzen kann.

Immer wenn du ein Tor verfehlst, rückt die Schneegrenze näher. 

Viel Spaß!

Das Paar ist sich uneins über den Klimawandel. Simone Weinberger wiederspricht ihrem Mann, bezieht sich auf aktuelle Studien. „Ich werde jetzt 50. Für uns wird’s grad noch reichen, geschäftlich gesehen. Und dann wird es wahrscheinlich knapper. Ich denke schon, dass es in 20 Jahren eng wird, aber ich hoffe, dass die 10, 12 Jahre für uns noch reichen.“ Die Liebe hat sie von der schwäbischen Alb hier her verschlagen, sagt sie. Das Skifahren hat sie zusammengebracht.

Dennoch: Ihre Kinder sollen eines Tages lieber etwas anderes machen, meint Tom. „Meine Frau und ich werden das nicht mehr mitbekommen, aber die nächste Generation wird es sicher schwer haben“. Seine Stimme wirkt angestrengt, manchmal fast aufgebracht, aber keinesfalls desinteressiert während er über den Klimawandel spricht. Seitdem er denken kann gehört der Ski-Tourismus für Thomas Weinberger an den Arber – und trägt entscheidend zur Lebensqualität bei. „Ohne den Tourismus hätten wir nicht fünf Ärzte, drei Metzger, vier Bäckereien und vierzehn viersterne-Häuser. Wir haben alles, was eine Großstadt auch hat“.

Gut 3600 Einwohner hat Bodenmais. Über 800.000 Übernachtungen verteilen sich auf die knapp 250 Pensionen und Hotels. Dass der Arber, um diese Zahlen zu halten, technisch beschneit werden muss, sieht Tom nicht problematisch, schließlich schütze die Beschneidung die Vegetation vor Schäden durch die Skikanten. „Ist es umweltfreundlicher, wenn ich nicht beschneie und mit den Ski übers Gras fahre?“ meint er. „Da mache ich mir eher sorgen, wie viele Leute eine Kreuzfahrt machen oder in den Urlaub fliegen.“

 

Tom sieht der Zukunft entspannt entgegen. Wir werden immer viele Übernachtungen kriegen, sagt er. „Das bleibt sicherlich bestehen, auch wenn der Winter vielleicht wegbricht.“ Morgen fährt er selbst zum Skifahren. Anfang Dezember, bei 12 Grad im Schatten. 

689m

Der Stoiker

 

Willi Weinberger betreibt in Bodenmais eine kleine Pension. Er hält nicht viel vom Umweltschutz. Bodenmais hat andere Probleme, meint er. 

 

Weiße Keramiklampen mit aufgemalten Blümchen, grüne Tischdecken, Ohrensessel, in Komplementärfarben gemustert. Willi Weinbergers Pension ist eine Zeitkapsel. Im September hat er sie genau vor 40 Jahren eröffnet, erzählt er stolz. Aber er muss dann auch schnell wieder weg. Endlich sind die Handwerker gekommen, die im ersten Stock die Böden erneuern sollen. 

„Entschuldigt die Kälte.“,  warnt Weinberger: „Wir  heizen erst, wenn die Gäste kommen.“ Seine Pension, Zur Klause, ist gerade geschlossen. Das alte Haus mit den typischen alpinen Stuckbalkonen thront am Rande der Kleinstadt Bodenmais. Wie bei den allermeisten der rund 250 Unterkünfte, richten sich die Öffnungszeiten ganz nach den Touristen. Und die kommen erst Weihnachten. Dann wird das 3500-Einwohner-Dorf explodieren. 5500 Betten sind für Gäste von Außerhalb reserviert und, glaubt man Tobias Wolf, Sprecher des Bodenmaiser Tourismusbüros, werden an Weihnachten auch alle 5500 Betten belegt sein. Aber wenn nicht gerade Weihnachten, Fasching oder Pfingsten ist, dann ist wenig los in Bodenmais. 

„Ihr seids doch bestimmt Grüne“, mutmaßt Willi Weinberger, als er wieder am Esstisch im Speisesaal seiner Pension sitzt. Dort ist er in heimischen Territorium, am privaten Stammtisch, meint man. Und die Grünen mag er nicht. „Das ist die zweitschlimmste Bewegung“, sagt er: „Nach den Nazis.“ Auf dem Nachbargrundstück, erzählt der alte Mann, da haben die Besitzer bauen wollen. Aber da wären diese Umweltschützer gekommen und hätten es verhindert. „Mittlerweile traut man sich nicht mehr einen Baum zu schlagen“.

Willi Weinbergers Cousin heißt auch Willi Weinberger und ist einer dieser Naturschützer. „Der war vorher beim Landratsamt“ sagt der Willi Weinberger, der gerade in seiner Pension sitzt. Sein Namensgenosse, so nennt er den anderen, bessere mit dem Job als Ranger seine Rente auf. „Das stört mich nicht, dass mein Namensgenosse das macht. Sonst würde es eben jemand anderes machen.“ Die Weinberger Willis sehen sich „etwa einmal die Woche“, über das Umweltthema spreche man aber nicht viel. 

Dennoch hat Willi Weinberger am Stammtisch einiges dazu zu sagen. „Wenn man den Schulkindern allen ihr Handy wegnimmt, geht Freitags keiner mehr auf die Straße.“, meint er zu den Klimaprotesten um Greta Thunberg. Auf das eigentliche Thema, das Skigebiet angesprochen, winkt er ab. „Der Arber ist ein Witz, hier lernen die Leute einmal Skifahren und fahren dann nächstes Jahr in die Alpen.“ Früher ist er selbst Ski gefahren, aber „nie“ am Arber. „Das ist überfüllt, gefährlich.“

Das Klima habe sich die Jahre aber schon verändert. Zwar habe Willi Weinberger mit seinen zwei Enkeln diesen November schon einen Schneemann im Pensionsvorgarten gebaut, aber die Tage, an denen es zweistellig unter null Grad ist, seien seltener geworden. „Früher mussten wir hier die Schneepflüge immer zurück in die Halle fahren. Zum Heizen, weil der Diesel eingefroren ist.“ Letztes Jahr gab es nur „drei, vier Tage“ unter minus zehn Grad. 

 

TEXT// Ben Balzereit

„Da kommen immer wieder Menschen, die glauben, dass sie in Bodenmais schnelles Geld machen können!“

 

– Willi Weinberger –

Willi Weinber, 69, Pensionsbesitzer

Die großen Probleme der Zukunft sieht Willi Weinberger nicht am Großen Arber. Sondern buchstäblich im eigenen Haus. Seine beiden Söhne haben Maschinenbau studiert. Der eine arbeitet beim Autokonzern, der andere für einen Energieversorger. Papas alte Pension am Hang wollen sie nicht übernehmen. Es schmerzt den Vater sichtlich, als er die Prognose formuliert: „Ich bin jetzt 69, meine Frau wird 64. In zwei bis zehn Jahren werde ich zusperren müssen.“ Wenn sich nicht vorher ein anderer finde, der die 18 Betten an seiner Stelle hermacht.  

Doch er fürchtet die Neuankömmlinge. „Da kommen immer wieder Leute, die denken, dass sie in Bodenmais schnelles Geld machen können.“, meint Willi Weinberger: „Und nach zwei, drei Jahren müssen sie die Läden wieder dichtmachen.“
 
AM ARBER IST’S IMMER KALT
 
In seiner Familiengeschichte sei es üblich gewesen, die Söhne nach dem Vater zu benennen, erzählt Weinberger. Sein Vater geriet während des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Mehrere Jahre kam er nicht zurück, also benannte die Familie seiner Tante ihren frischgeborenen Sohn nach dem Totgeglaubten, Wilhelm Weinberger. „Da hat keiner mit gerechnet, dass der im Sommer ’49 da hinten über den Hügel kommt.“, sagt Willi Weinberger und zeigt mit der Hand in Richtung eines ausladenden Weihnachtssternbeetes inmitten des Speiseraums. Der erstgeborene Willi Weinberger verweist nun übermutige Pilzsucher aus den Wäldern, der jüngere steht gerade in seiner Pension am Fenster und lobt die Aussicht. Die Familientradition brach Willi Weinberger übrigens ein zweites Mal. Seine Söhne heißen Bastian und Florian.


Credits

1456 ist ein crossmediales Projekt von blank. 

Die meisten Fotos hat Lisa Parzl geschossen, ein paar sind von Marleen Heimann.

Alle Animationen wurden von Ben Balzereit erstellt. Bis auf das Titelbild, das ist von Lisa Parzl.

Das Spiel „Downhill 3k“ wurde von Ben Balzereit angefangen und von Lisa Parzl beendet.

Das Konzept haben sich Jonah Papendorf und Ben Balzereit ausgedacht.

Die Seite wurde von Ben Balzereit zusammengebastelt.

Die Autoren der Texte sind jeweils genannt, falls Sie aber extra dafür in die Credits gescrollt haben: Jonah Papendorf, Marleen Heimann und Ben Balzereit.