1456

Was kommt nach dem Schnee?

Mit 1456 Metern ist der Große Arber der höchste Gipfel im Bayerischen Wald und auch im Wintersport die regionale Speerspitze. Der Klimawandel legt ein Spannungsfeld zwischen Tradition und Umbruch frei. Was macht ein Skigebiet, wenn kein Schnee mehr fällt?
Familie Weinberger ist persönlich betroffen: Ranger Willi Weinberger wacht über den Wald. Sein Cousin heißt auch Willi Weinberger und betreibt eine Pension. Ihr Neffe Tom leitet eine Skischule. Drei Geschichten über eine Familie, die sich nicht sicher ist, was die Zukunft bringen wird.
Die Reportage wird an den Höhenmetern entlang erzählt. Wähle aus, in welcher Reihenfolge. Ein Button unter jedem Beitrag führt dich hinauf.

1456m

Der Gipfel

Ganz oben auf 1456 Metern stehen zwei Radome. Türme mit merkwürdig golfballartigen Kuppeln, Überbleibsel aus dem kalten Krieg. In den 80er Jahren spionierte das Militär dort den Flugverkehr im angrenzenden Ostblock aus. Heute werden am Arbergipfel Wetterdaten erhoben – an Station Nummer 1832. 

Der Deutsche Wetterdienst erhebt seit 1983 die monatlichen Temperaturdaten am Großen Arber. Auf das Jahr gerechnet ergibt sich obiges Bild. Trotz einiger Schwankungen, lässt sich insgesamt ein Anstieg erkennen.

1283m

Der
Schicksalsberg

Als Willi Weinberger 2010 den Ranger-Job am Großen Arber übernahm, hatte er einen schweren Stand. Lange wurde der Klimawandel hier totgeschwiegen. Doch inzwischen tut sich etwas um den höchsten Berg des Bayerischen Waldes. Ein Ausflug auf den Gipfel.

TEXT// Jonah Papendorf

„So hoch lag hier 2007 der Schnee!“, verweist Willi Weinberger auf die hölzerne Messlatte, die am Wegesrand senkrecht aus dem Boden ragt. Sein ausgestreckter Arm deutet unmissverständlich auf die höchste ausgeschriebene Markierung – drei Meter. Langsam lässt der Ranger seinen Arm wieder sinken, doch sein Blick bleibt starr an der Latte haften. Der ältere Mann verharrt, streicht seinen imposanten Schnauzbart zurecht, dann macht er Kehrt und stapft zu seinem silbernen, kleinen Geländewagen, den er vor der Chamer Hütte geparkt hat.

Die Schutzhütte liegt am Südhang des Kleinen Arbers mitten im Naturpark Bayerischer Wald. 58 Skifahrer und Wanderer finden hier Platz. An diesem Dezembermorgen muss niemand in der Hütte Schutz suchen. Auf 1289 Höhenmetern ist die Sicht klar. Die Sonne bringt die dünne Schneedecke zum Leuchten. Willi Weinberger startet den Motor. Durch die Klimaanlage strömt warme Luft in das Wageninnere. Gemächlich lenkt er seinen Geländewagen den kurvenreichen Waldweg zum Gipfel des Großen Arber hinauf.

Vor neun Jahren hat der Bodenmaiser den Job als Ranger angenommen – ehrenamtlich. Der Berg liegt ihm am Herzen. „Schon als Jugendliche sind wir hier immer sonntags nach der Kirche mit den Skiern rauf. Damals noch ohne Lift. In den 60ern war das.“, erzählt Willi Weinberger. Inzwischen verläuft der Weg parallel zum Berg. Während sich bergaufwärts ein Nadelbaum an den nächsten reiht, tut sich bergabwärts ein kahles Feld aus Baumstümpfen auf. „Borkenkäfer“, beklagt der Naturschützer, „der größte Helfer des Klimawandels.“ Die Dürre im Sommer 2018 hat verhindert, dass die Nadelbäume ihre natürliche Abwehr, das Harz, produzieren konnten. Hinzu kam, dass durch die kurzen Winter das bruttaugliche Holz sterbender oder toter Bäume sehr schnell durch die Rindenbrüter besiedelt werden konnte. „Inzwischen sind hier weite Teile des Waldes befallen.“, sagt Weinberger ernst.

Willi Weinberger, 72, Ranger

Der Ranger dirigiert den Geländewagen durch die immer verschneiter werdende Landschaft. Knurrend kämpft sich der Jeep die Serpentinen hinauf. „In der Höhenlage hier kommt der Winter eigentlich immer. Einen halben Meter erreicht die Schneedecke fast jedes Jahr.“, unterbricht der Ranger die Stille. Heute liegt der Schnee hier nicht so hoch, sonst wäre der 72-Jährige mit seinen Tourenskiern auf den Arber gewandert.

„Früher haben wir hier Anfang Mai das Grauschimmelrennen für die älteren Damen und Herrschaften veranstaltet. Die letzte Abfahrt der Skisaison sozusagen. Dort hinten war immer der Einstieg!“, deutet Willi Weinberger in den verschneiten Wald hinein: „10, 15 Jahre ging das gar nicht mehr. Die letzten Jahre waren die Winter dann teilweise wieder gut genug.“ Ob der Winter diese Saison kalt genug sein wird, um das Grauschimmelrennen auszurichten, vermag der Ranger nicht zu sagen. Langzeitprognosen seien aufgrund der wechselhaften Wetterlage am Großen Arber inzwischen nicht mehr möglich.

Der Schnee knirscht unter den Reifen. Mit jedem Höhenmeter wird die Schneedecke dicker. Der Geländewagen nähert sich über die Süd-West-Seite dem Gipfel. Vor dem Fahrzeug ragen zwei Radome wie Fremdkörper aus dem Schnee. Relikte aus dem Kalten Krieg. Mit den Antennenkuppeln habe man damals den Flugverkehr im Ostblock ausspioniert, erklärt der Ranger. Das Gegenstück dazu soll am Cerchov stehen, in Tschechien. 

Willi Weinberger zieht sich den Ranger-Hut tief in die Stirn, greift seinen Wanderstock und stapft die letzten Meter zum Gipfel hinauf. Hart und glatt ist der Boden hier. Der Wind hat feine Linien in das Eis gezogen. Der Ranger bleibt stehen und stützt die freie Hand in der Hüfte ab. Vor ihm erstreckt sich die Bergbahn des Skigebiets an der Nordseite bis ins Tal. 1993 wurde hier dem Antrag für technische Beschneiung stattgegeben. Die Auswirkung des Temperaturanstiegs um 0,6 Grad Celsius in den letzten 30 Jahren in Deutschland ist auch am Arber deutlich spürbar. „Für den Skibetrieb, in dem Maße, in dem er hier durchgeführt wird, ist die technische Beschneiung unabdingbar!“, weiß der Ranger. Insgesamt 50 Schneekanonen zieren in gleichmäßigen Abständen die Pisten am Arber.

Ein Fan der technischen Beschneiung scheint er dennoch nicht zu sein. Zehn Quadratmeter frisch beschneite Piste erfordern im Schnitt 1.500 Liter Wasser. Und das muss irgendwo herkommen. „Für die Beschneiung wird Regenwasser an der Talstation in einem Stausee gesammelt“, erklärt Weinberger und bemängelt: „Das Regenwasser wird so aber auch der Natur entzogen.“ Das Wasser kommt jedoch nicht nur aus dem eigens angelegten Sammelbecken. Auch aus der Silberbergquelle pumpen die Skigebiet-Betreiber Wasser für die Schneekanonen und die Gastronomie im Gebiet ab. Die feuchten Höhlen im Silberberg, einst Bergstollen zum Abbau von Eisenerz, sind ein bedeutendes Winterquartier für Fledermäuse.

Auf der offiziellen Website des Arber sucht man solche Informationen vergeblich. Der Werbetext über das Beschneiungskonzept liest sich wie ein Schulterschluss mit Mutter Natur. Sogar ökologische Vorteile soll der Kunstschnee bringen. Die gleichbleibende Schneedecke verhindere, dass die Kanten der Ski die Grasnarbe beschädigen. Quatsch, sagt der Ranger: „Der Kunstschnee bleibt viel länger liegen als der Naturschnee. Die Vegetation kann so erst viel später einsetzen. Das ist definitiv nicht gut für die Natur.“

 

Ein hoher Preis

 

„Aber gut, das ist halt der Kompromiss zwischen Tourismus und Natur, wie überall heutzutage.“, relativiert der Naturschützer. „Solange sich der Skitourismus noch in Grenzen hält, finde ich das in Ordnung. In den großen Gebieten ist das ganz schlimm. Überall werden da Lifte gebaut und was weiß ich was“, winkt er ab.

In Oberhof beispielsweise liefen die Biathleten beim Weltcup 2007 auf 36.000 Kubikmetern Crushed-Eis – in Bremerhaven hergestellt und eigentlich für die Kühlung von Fisch verwendet. Soweit soll es hier am Arber nicht kommen. Dennoch ist die Gemeinde auf den Wintertourismus angewiesen. In etwa 850.000 Übernachtungsgäste zieht es jeden Winter nach Bodenmais, an den Fuß des Arbers. Der Ort lässt sich das einiges kosten. 200.000 Euro zahlt die Gemeinde Bodenmais jährlich für Langlaufzentrum. Die Installation und der Unterhalt der Schneekanonen kosten 650.000 Euro pro Kilometer, allein die Herstellung von einem Kubikmeter Schnee zwischen drei und fünf Euro. Ein stolzer Preis, den nicht jedes Skigebiet stemmen kann.

Der Wind am Gipfel hat inzwischen zugenommen. Willi Weinberger schiebt den schützenden Ranger-Hut aus der Stirn und blickt in die Ferne. Von hier oben sind die angrenzenden, kleineren Skigebiete Spitzhack und Zwiesel zu sehen – in Grün getaucht. Besonders Zwiesel habe es schwer, erklärt der Ranger, auf seinen Stock gestützt. Sogar Stars wie Maria Riesch und Lindsey Vonn sind dort schon beim Riesen-Slalom gefahren. Letztmals ging im Februar 2011 die Weltelite der Frauen in Zwiesel an den Start. Dann kam das überraschende Weltcup-Aus für die Arber-Region. Die schwierigen Wetterbedingungen seien der Grund, begründete der Deutsche Skiverband die Entscheidung.

In der Arber-Region versucht man nun, neben dem Wintertourismus auch die Sommersaison voranzubringen. Einige neue Mountainbike-Strecken wurden in den letzten Jahren angelegt. Am Geißkopf bei Bischofsmais gibt es sogar einen Bikepark.

„Irgendwann, wenn es nicht mehr kalt genug ist, muss man hier wahrscheinlich endgültig auf sanften Tourismus umsteigen. Langlauf – da reichen ja 20cm Schneedecke und das haben wir hoffentlich auch noch in 100 Jahren“, malt sich der Ranger aus. Wann das genau sein wird, vermag er nicht zu sagen. Er ist sich jedoch sicher, dass er das nicht mehr erleben wird.

Willi Weinberger entdeckt den Watzmann:
Bei klarer Sicht kann man vom Großen Arber bis in die Alpen schauen.
Bei starkem Schneefall, nimmt Weinberger nicht das Auto,
sondern die Touren-Skier.
Immer dabei: der Feldstecher.
Als Ranger hat Weinberger ein Auge auf den Artenbestand. Besonders gefährdet: das Auerhuhn.
Mit 1456 Höhenmetern ist der Große Arber der „König des Bayerischen Waldes“.
Besonders starker Schneefall verwandelt die Tannen am Gipfel zu Schneeskulpturen, den sogenannten Arbermandln.
Mit den Radomen wurde im kalten Krieg der Flugverkehr im Ostblock ausspioniert.
Ihr Gegenstück steht knapp 40 Kilometer entfernt auf dem tschechischen Berg Čerchov.
Der Berg birgt seine Gefahren:
Einmal fand Willi Weinberger einen Mountainbiker, der bei einem Sturz tödlich verunglückt war.
Blick voraus: "Wenn es hier mal so warm wird, dass man alpinen Skibetrieb nicht mehr praktizieren kann,
dann muss man hier auf sanften Tourismus umsteigen. Also auf die nordischen Disziplinen."
Lange Tradition: Bereits 1806 wurde eine Kapelle auf dem Großen Arber errichtet.
Die Winter am Gipfel setzen dem kleinen Bauwerk zu, sodass es bisher viermal erneuert werden musste.
Gipfeltreffen: blank-Redakteur Jonah Papendorf und Ranger Willi Weinberger auf 1456 Metern.
Anfang Dezember misst die Schneedecke bereits 20 Zentimeter. "Selbst wenn der Winter schwach ist, liegt hier oben ein halber Meter Schnee."
Was wächst denn da? Weinberger präsentiert den Alpenbärlapp.
Am Arber ein Exot: Die Pflanze blüht eigentlich nur im Hochgebirge.
An der Talstation sammelt die Fürstlich Hohenzollernsche Arber-Bergbahn Regenwasser zur Beschneiung der Pisten.
Außerdem wird Wasser aus der nahe gelegenen Silberbergquelle entzogen.
50 Schneekanonen beschneien insgesamt 12 Pistenkilometer am Großen Arber. Es handelt sich um Modelle einer Schweizer Marke,
die im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants keine chemischen Zusätze in den Kunstschnee mischen.
Anfang November wird der Skibetrieb vorbereitet: Das Team der Bergbahn startet mit der Grundbeschneiung:
Pistenraupen schieben den künstlich produzierten Schnee über den Hang und planieren die Abfahrt.
Willi Weinberger am Nordhang des Arbers: "Früher hat man gesagt diese Pistenseite kann man vergessen, die ist weg aus der Natur." Mittlerweile täten die Pistenbetreiber etwas für den Naturschutz: "Im Sommer werden die Pisten gesperrt, auch für Wanderer. Die Natur soll sich regenerieren."
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Klimawissenschaftler erwarten, dass sich bereits bis 2050 die Zahl der jährlichen Eistage, also jener Tage, an denen die Temperatur nicht über Null Grad Celsius steigt, in Bayern halbieren wird. In naher Zukunft wird somit die Anzahl an Tagen, an denen technische Beschneiung möglich ist, deutlich sinken.

Der Ranger wendet sich vom Weg ab. Mit seinem Wanderstock zeigt er mitten ins Weiß. „Hier vorne haben wir vor sieben Jahren zusammen mit der oberen Naturschutzbehörde den Alpenbärlapp entdeckt“, erklärt er: „Normalerweise wächst die Pflanze nur im Hochgebirge. Das liegt an dem alpinen Klima hier!“.

Wie lange es sie hier noch geben wird, ist jedoch ungewiss. Experten des Bayerischen Landesamts für Umwelt gehen von einem Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur in Bayern um weitere ein bis zwei Grad bis 2050 aus. Bis 2100 kann sich der Anstieg sogar auf plus 4,5 Grad ausweiten – vorausgesetzt, dass die Energie der Zukunft zu gleichen Teilen aus fossilen und erneuerbaren Quellen gewonnen wird. Von diesem Szenario sind die Forscher ausgegangen. Wenn sich diese Prognose bewahrheitet, wird es in ferner Zukunft in Deutschland keine Skigebiete mehr geben. Einzig die Pisten auf der Zugspitze würden übrigbleiben.

„Ach der Wald ist doch was Schönes“, sagt der Ranger, Melancholie liegt in seiner Stimme. „Dass es das eines Tages nicht mehr geben wird…“, Willi Weinberger verstummt. Gefasst legt er eine lange Atempause ein, um dann zähneknirschend, fast etwas wütend, fortzufahren: „…aber vom Menschen ist das gemacht!“.

Was viele Jahre in der Weltpolitik ungeachtet blieb, wurde auch am Arber lange todgeschwiegen. „Vor fünf oder sechs Jahren war der Klimawandel hier noch ein Tabuthema. Mittlerweile ist das Umdenken aber schon vorhanden.“, erklärt der Ranger.

Anfang 2015 ist der 3600-Seelen-Ort als eine der ersten Gemeinden in Deutschland auf ein kaltes Nahwärmenetz umgestiegen. Während bei konventionellen Netzen die Heizzentrale auch im Sommer 70 bis 80 Grad Celsius warmes Wasser herstellt, regelt das Nahwärmenetz die Temperatur von April bis Oktober auf bedarfsgerechte 20 bis 40 Grad Celsius herunter. Mit einem solchen „kalten“ Betriebsmodus lässt sich der Wärmebedarf in den warmen Jahreszeiten vollständig durch erneuerbare Energien abdecken. In Bodenmais vor allem durch Solaranlagen.

Früher hätten die Leute hier noch Abfälle im Garten verbrannt. Sowas würde heute kaum jemand mehr machen, wendet der Ranger ein. Als der Bodenmaiser vor neun Jahren seinen Ranger-Job antrat, bekam er viel Gegenwind zu spüren. Anfangs hätten die Menschen in der Gemeinde ihn kritisch beäugt, weil er fortan als Wächter des Naturparks befugt war, Vorschriften zu machen. Inzwischen seien die Leute selbst kleinlich in Naturschutzbelangen geworden.

Willi Weinberger deutet erneut mit seinem Wanderstock. „Da vorn ist die Bodenmaiser Mulde. Da haben wir zusammen mit dem Naturpark und Schulklassen die ganze Mulde freigeschnitten, damit der ungarische Enzian wieder aufblühen kann. Das hat eine Frau mitbekommen“, erklärt er. Der Naturpark hatte sogar extra ein Schild mit der Genehmigung aufgestellt. Eine Anzeige gab es trotzdem.

„Früher hat man gesagt, die Pistenseite vom Arber, die Nordseite, die könne man vergessen. Die sei aus der Natur weg. Mittlerweile tun aber auch die Pistenbetreiber etwas für den Naturschutz. Im Sommer werden die Pisten gesperrt, auch für Wanderer. Die Natur soll sich dann regenerieren – das ist auch Naturschutz. So ehrlich muss man sein!“, bekräftigt Willi Weinberger. „Ein paar alte Deppen gibt es natürlich immer noch und die wird es auch immer geben!“, relativiert er.

Ein letztes Mal blickt der Ranger in die Ferne. Konzentriert kneift er seine Augen zusammen. „Da hinten sieht man sogar den Watzmann!“, ruft er. 29 Jahre lang ist er selbst in den Alpen Bergsteigen gewesen. Gemeinsam mit seinem Cousin und Namensvetter, Willi Weinberger, der eine Pension in Bodenmais führt. Das Verhältnis zu seinem Cousin ist inzwischen abgeflacht. Viel möchte der Ranger dazu nicht erzählen. In anderen Kreisen würden sich die beiden inzwischen bewegen. „Der spielt halt Golf und ich spiel kein Golf.“, fasst der Naturschützer zusammen. Seine Liebe zur Natur könne sein Cousin nicht verstehen. „Der ist noch einer vom alten Schlag, auch wenn er jünger ist, als ich“, führt er weiter aus.

Dann steigt er wieder in sein Auto. Der Wagen startet. Sanft kehrt die wohlige Wärme ins Wageninnere zurück. Auf 1200 Höhenmeter taucht der Geländewagen wieder ins Grün und Braun des Waldes ein. Der Schnee, der hier heute Morgen auf dem Hinweg noch lag, ist geschmolzen.

Die Pisten-kanone

Was macht ein Skigebiet, wenn kein Schnee fällt? 

Sie beschneien die Pisten mit künstlichem Schnee. Hergestellt von Kanonen, die Wasser zu Eiskristallen und grüne Hügel in Schneeland-schaften verwandeln. Ein kurzes Video über  Funktionsweise und Risiken.

750m

Ungewisse
Zukunft

Thomas Weinberger führt gemeinsam mit seiner Frau Simone „Sport Weinberger“ in Bodenmais. Sie leben vom Skitourismus, der Laden hat eine lange Tradition. Dass seine Kinder das Geschäft eines Tages übernehmen, glaubt er trotzdem nicht. 

 

TEXT// Marleen Heimann

Tom Weinberger, 46, Skischulbesitzer

 

Thomas Weinberger steht in der Werkstatt seines Skigeschäfts zwischen Kartons und haufenweise Skiern. Behutsam sortiert er die einzelnen Paare. „Der Arber ist nach wie vor eine attraktive Wintersportregion. Hier kommen immer noch sehr viele Leute hin. Hier ist’s halt halb so teuer wie in den Alpen“, erklärt er fast rechtfertigend. Der bärtige junge Mann lehnt sich demonstrativ auf seine Unterarme gestützt auf die Werkbank, hinter ihm die vielen Skier. Für einen Moment wirkt es so, als wolle er seine Aussage so manifestieren.

Vor 50 Jahren hatte sein Vater Xaver den Laden und die zugehörige Skischule gegründet – ein Cousin der beiden Willis. „Die letzten Winter waren super“, bekräftigt Thomas.

Doch auch wenn der Schnee im Winter mal ausbleiben wird, macht er sich keine Sorgen um seinen Betrieb. „Das hatten wir 1971-1972 auch schon mal“.

Mehrere Skischulen und Skigeschäfte habe der Familienbetrieb in Bodenmais schon kommen und gehen sehen. „Wir haben schon einige Standbeine – und wir sind ein Familienbetrieb“, erklärt Simone, Thomas Frau, mit Stolz erfüllt. Beim Skifahren haben sich die beiden kennengelernt.

Im Sommer verkaufen sie Outdoor-Produkte, betreiben eine Tennisschule und verleihen Mountainbikes. Insgesamt 60 Stück. „Nächstes Jahr sollen es noch mehr werden. Das E-Bike ist besonders interessant für die Gäste. Wenn der Schnee im Winter mal fehlen wird, dann packen wir einfach die Fahrräder aus.“, gibt sich Simone optimistisch. „Da kann man aber nicht die Summe einholen, die wir hier…“. „Aber das haben wir ja nicht. Ich geh davon aus, dass es zu 99% Schnee gibt am Arber – weil es die letzten Jahre auch so war!“, fällt ihr Thomas energisch ins Wort. Der junge Mann wirkt befangen. Erst vor 6 Jahren musste die Schule ihren eigenen Kinderlift im Ort schließen und an den höher gelegenen Silberberg ziehen. Dort teilt man sich nun den Hang mit anderen Skischulen.

Downhill 3k

Fahre den Berg schneller herunter, als der Schnee unter deinen Brettern schmelzen kann.

Immer wenn du ein Tor verfehlst, rückt die Schneegrenze näher. Die grüne Flagge startet und restartet das Spiel.

Viel Spaß!

Simone möchte nicht nachgeben: „Die Studien sagen schon, dass es schlimmer wird und das wird man nicht ganz aufhalten können!“. Der bärtige Mann verstummt für einen Moment, bevor er gefasst antwortet. „Es wird sich sicher etwas verändern. Wahrscheinlich wird sich die Saison verschieben, aber wir werden immer neuen Schnee haben“, zeigt er sich versöhnlich.

Dennoch: Seine Kinder sollen eines Tages lieber etwas anderes machen. „Meine Frau und ich werden das nicht mehr mitbekommen, aber die nächste Generation wird es sicher schwer haben“. Dann seufzt er. Seine Stimme wirkt angestrengt, manchmal fast aufgebracht, aber keinesfalls desinteressiert während er über den Klimawandel spricht.

Der Ski-Tourismus gehört für Thomas Weinberger an den Arber seitdem er denken kann – und trägt entscheidend zur Lebensqualität bei: „Wir haben alles was eine Großstadt hat. Obwohl wir nur 3.000 Einwohner haben“.

Dass der Arber ins Zukunft für den Skibetrieb stärker technisch beschneien muss, sei für den jungen Mann nur logisch: „Österreich macht es uns ja vor“. Problematisch sieht er das nicht, schließlich schütze die Beschneiung die Vegetation vor Schäden durch die Skikanten. Um die Kreuzfahrer und Vielflieger müsse man sich eher Sorgen machen.

„Ich bin erst einmal in meinem Leben geflogen – da kann ich noch guten Gewissens Ski fahren. Meine Ökobilanz ist da besser als die von vielen anderen.“

 

700m

Eine Kleinstadt

Bodenmais hat wenig Einwohner. Keine 5000 Menschen wohnen hier – für etwa 9 Monate im Jahr. Die restliche Zeit explodiert der Ort förmlich. Hundertausende Übernachtungen gibt es jedes Jahr in der Skisaison. Sonst liegt der Ort brach.

Leerstand in Bodenmais. Abseits der Saison steht beinahe jedes zweite Geschäft in der Innenstadt leer.
Modeboutiquen, wie auf diesem Bild, Restaurants und Bäckereien haben es ohne Touristen schwer.

Defektes Dorfleben: Früher gab es mehrere Tanzbars in Bodenmais.
"Heit gibt's koa Gaudi mehr!" , beklagt eine Bäckerin. Auf dem Bild: eine der letzten Bodenmaiser Diskos.
Willi Weinbergers Pension "Zur Klause" ist eine Zeitkapsel. Viel Stuckmobiliar und angestaubte Porzellanlampen füllen den Speisesaal.
Der Ecktisch im Vordergrund ist sein Lieblingstisch: "Hier kommt das meiste Licht hin."
Malerisch schön liegt der Große Arbersee in einer Senke zwischen Silberberg und Arbergipfel.
Anfang Dezember bedeckt eine dünne Eisschicht den See.
"Vor fünf oder sechs Jahren war der Kilmawandel hier noch ein Tabuthema, mittlerweile ist das Umdenken aber schon vorhanden.",
beschreibt Ranger Willi Weinberger den Sinneswandel in der Bodenmaiser Bevölkerung. Am Arbersee wurde dem Wald ein Denkmal gesetzt.
Saisonvorbereitung: Ein mobiler Kran hebt ein Holzhäuschen auf die Terasse des Arberseelokals.
In circa zwei Wochen werden die ersten Touristen erwartet. Und die erwarten urbairische Gemütlichkeit.
Vom Bodenmaiser Rewe-Parkplatz, dem inoffiziellen Ortszentrum aus, blickt man in östlicher Richtung auf den Silberberg. Der 955 Meter hohe Gipfel ist der Hausberg von Bodenmais und beheimatet ein kleines Skigebiet mit einem Lift und einer Piste.
"Kein Eingang" steht auf dem Schild unterhalb des Drehkreuzes. Der Zweiersessellift ist noch nicht in Betrieb. Die einzige Piste am Silberberg ist keinen Kilometer lang. An der Talstation werben Schilder für Alternativangebote: Rodelbahn, Schneebar und Segway-Parcour.
Der Silberberg ist innen ausgehölt. Bis 1962 wurde dort Eisenerz abgebaut. Daraus wurde Vitriol hergestellt, ein Glasreiniger.
35 Kilometer misst das Stollensystem. Heute kann im Bergwerk geheiratet werden.
An der Arberbergbahn sorgt man sich ums grüne Gewissen der Skitouristen. Erneuerbare Energien und Stromtankstelle, prangt es an der zentralen Gondelbahn. Zur Einordnung: Jährlich fahren etwa 300.000 Menschen auf den Arberpisten Ski.
200.000 Euro kostet die Gemeinde Bodenmais ihr Langlaufzentrum jährlich. An diesem Schießstand trainieren vor allem junge Biathlon-Talente. Alpine Weltcup-Rennen werden am Arber seit Februar 2011 nicht mehr ausgetragen, die Abfahrt heißt auf dem Pistenplan trotzdem stolz "Weltcup-Strecke".
Tom und Simone Weinberger in ihrem Skigeschäft. Sie haben sich beim Skifahren kennengelernt. Über die Auswirkungen des Klimawandels sind sie sich uneinig. "Es gibt zu 99% Schnee am Arber, weil es die letzten Jahre auch so war.", sagt der Skilehrer. Seine Frau hat mehr Bedenken.
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689m

Der Stoiker

Willi Weinberger betreibt in Bodenmais eine kleine Pension. Er hält nicht viel vom Umweltschutz. Bodenmais hat andere Probleme, meint er. 

 

Weiße Keramiklampen mit aufgemalten Blümchen, grüne Tischdecken, Ohrensessel, in Komplementärfarben gemustert. Willi Weinbergers Pension ist eine Zeitkapsel. Im September hat er sie genau vor 40 Jahren eröffnet, erzählt er stolz. Aber er muss dann auch schnell wieder weg. Endlich sind die Handwerker gekommen, die im ersten Stock die Böden erneuern sollen. 

„Entschuldigt die Kälte“,  warnt Weinberger: „Wir  heizen erst, wenn die Gäste kommen.“ Seine Pension „Zur Klause“ ist gerade geschlossen. Das alte Haus mit den typisch alpinen Stuckbalkonen thront am Rande der Kleinstadt Bodenmais. Wie bei den allermeisten der rund 250 Unterkünfte richten sich die Öffnungszeiten ganz nach den Touristen. Und die kommen erst Weihnachten. Dann wird das 3500-Einwohner-Dorf überquellen. 5500 Betten sind für Gäste von Außerhalb reserviert und, glaubt man Tobias Wolf, Sprecher des Bodenmaiser Tourismusbüros, werden an Weihnachten auch alle 5500 Betten belegt sein. Aber wenn nicht gerade Weihnachten, Fasching oder Pfingsten ist, dann ist wenig los in Bodenmais. 

„Ihr seids doch bestimmt Grüne“, mutmaßt Willi Weinberger, als er wieder am Esstisch im Speisesaal seiner Pension sitzt. Dort ist er in heimischem Territorium, am privaten Stammtisch, meint man. Und die Grünen, die mag er nicht. „Das ist die zweitschlimmste Bewegung“, sagt er: „Nach den Nazis.“ Auf dem Nachbargrundstück, erzählt der alte Mann, da haben die Besitzer bauen wollen. Aber da wären diese Umweltschützer gekommen und hätten es verhindert. „Mittlerweile traut man sich nicht mehr einen Baum zu schlagen“.

Willi Weinbergers Cousin heißt auch Willi Weinberger und ist einer dieser Naturschützer. „Der war vorher beim Landratsamt“, sagt der Willi Weinberger, der gerade im Speisesaal seiner Pension sitzt. Sein Namensgenosse, so nennt er den anderen, bessere mit dem Job als Ranger seine Rente auf. „Das stört mich nicht, dass mein Namensgenosse das macht. Sonst würde es eben jemand anderes machen.“ Die Weinberger Willis sehen sich „etwa einmal die Woche“, über das Umweltthema spreche man aber nicht viel. 

Dennoch hat Willi Weinberger am Stammtisch einiges dazu zu sagen. „Wenn man den Schulkindern allen ihr Handy wegnimmt, geht Freitags keiner mehr auf die Straße“, meint er zu den Klimaprotesten um Greta Thunberg. Auf das eigentliche Thema, das Skigebiet angesprochen, winkt er ab. „Der Arber ist ein Witz, hier lernen die Leute einmal Skifahren und fahren dann nächstes Jahr in die Alpen.“ Früher ist er selbst Ski gefahren, aber „nie“ am Arber. „Das ist überfüllt, gefährlich.“

Das Klima habe sich die Jahre aber schon verändert. Zwar habe Willi Weinberger mit seinen zwei Enkeln diesen November schon einen Schneemann im Pensionsvorgarten gebaut, aber die Tage, an denen es zweistellig unter null Grad ist, seien seltener geworden. „Früher mussten wir hier die Schneepflüge immer zurück in die Halle fahren. Zum Heizen, weil der Diesel eingefroren ist.“ Letztes Jahr gab es nur „drei, vier Tage“ unter minus zehn Grad. 

 

TEXT// Ben Balzereit

„Da kommen immer wieder Menschen, die glauben, dass sie in Bodenmais schnelles Geld machen können!“

 

– Willi Weinberger –

Willi Weinberger, 69, Pensionsbesitzer

Die großen Probleme der Zukunft sieht Willi Weinberger nicht am Großen Arber. Sondern buchstäblich im eigenen Haus. Seine beiden Söhne haben Maschinenbau studiert. Der eine arbeitet beim Autokonzern, der andere für einen Energieversorger. Papas alte Pension am Hang wollen sie nicht übernehmen. Es schmerzt den Vater sichtlich, als er die Prognose formuliert: „Ich bin jetzt 69, meine Frau wird 64. In zwei bis zehn Jahren werde ich zusperren müssen.“ Wenn sich nicht vorher ein anderer finde, der die 18 Betten an seiner Stelle hermacht.  

Doch er fürchtet die Neuankömmlinge. „Da kommen immer wieder Leute, die denken, dass sie in Bodenmais schnelles Geld machen können.“, meint Willi Weinberger: „Und nach zwei, drei Jahren müssen sie die Läden wieder dichtmachen.“
 
AM ARBER IST’S IMMER KALT
 
In seiner Familiengeschichte sei es üblich gewesen, die Söhne nach dem Vater zu benennen, erzählt Weinberger. Sein Vater geriet während des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Mehrere Jahre kam er nicht zurück, also benannte die Familie seiner Tante ihren neugeborenen Sohn nach dem Totgeglaubten, Wilhelm Weinberger. „Da hat keiner mit gerechnet, dass der im Sommer ’49 da hinten über den Hügel kommt“, sagt Willi Weinberger und zeigt mit der Hand in Richtung eines ausladenden Weihnachtssternbeetes inmitten des Speiseraums. Der erstgeborene Willi Weinberger verweist nun übermutige Pilzsucher aus den Wäldern, der jüngere steht gerade in seiner Pension am Fenster und lobt die Aussicht. Die Familientradition brach Willi Weinberger übrigens ein zweites Mal. Seine Söhne heißen Bastian und Florian.


Credits

1456 ist ein crossmediales Projekt von blank. 

Die meisten (und besten) Fotos hat Lisa Parzl geschossen, ein paar sind von Marleen Heimann, Ben Balzereit & Jonah Papendorf.

Alle Animationen wurden von Ben Balzereit erstellt. Bis auf das Titelbild, das ist von Lisa Parzl. Und die Statistiken, die sind von Jonah Papendorf.

Das Spiel „Downhill 3k“ wurde von Ben Balzereit angefangen und von Lisa Parzl beendet.

Das Konzept zur Story haben sich Jonah Papendorf und Ben Balzereit ausgedacht.

Die Seite wurde von Ben Balzereit zusammengebastelt.

Besonderer Dank gilt allen Mitgliedern der Weinberger-Familie für ihre Zeit.

Die Autoren der Texte sind jeweils genannt, falls Sie aber extra dafür in die Credits gescrollt haben: Jonah Papendorf, Marleen Heimann und Ben Balzereit.